
Unser Verhalten wird nicht nur durch unseren Intellekt bestimmt. Sonst
würden wir das meiste, was wir uns vornehmen, auch tun: „Eigentlich würde
ich schon wollen, wenn…“ Dieses „Wenn“ lässt sich oftmals weder definieren
noch genau beschreiben. Oberflächliche Ratgeberliteratur will manchmal
weismachen, dass man nur „richtig“ wollen, es „richtig“ machen müsste, dann
würde man seine Ziele schon erreichen. So einfach ist es nicht! „Der Mensch
ist nicht Herr im eigenen Haus“, so formulierte Freud und meinte damit, dass
unser Denken, Fühlen und Handeln massgeblich auch durch intrapsychische
Vorgänge bestimmt wird, über die wir nicht die allmächtige Verfügungsgewalt
haben. Was motiviert uns, so und nicht anders zu handeln? Steven Reiss,
Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Ohio State University, hat in
langer und aufwändiger Forschungsarbeit 16 Leitmotive eruiert, die unser
Handeln bestimmen.
1. Anerkennung Streben nach sozialer Akzeptanz, Zugehörigkeit und Selbstwert
2. Beziehungen Streben nach Freundschaft, Freude und Humor
3. Ehre Streben nach Loyalität und moralischer, charakterlicher Integrität
4. Ernährung Streben nach Essen und Nahrung
5. Familie Streben nach einem Familienleben, besonders mit Kindern
6. Idealismus Streben nach sozialer Gerechtigkeit und Fairness
7. Konkurrenz Streben nach Kampf, Aggressivität, Benchmarking
8. Körperliche Aktivität Streben nach Fitness, Bewegung, Figur, Aussehen
9. Macht Streben nach Erfolg, Leistung, Führung und Einfluss
10. Neugier Streben nach Wissen und Wahrheit
11. Ordnung Streben nach Stabilität, Klarheit und guter Organisation
12. Romantik Streben nach einem erotischen Leben, Sexualität und Ästhetik
13. Ruhe Streben nach Entspannung und emotionaler Sicherheit
14. Sparen Streben nach Anhäufung materieller Güter und Eigentum
15. Status Streben nach sozialem Status, Reichtum, Titeln und Bekanntheit
16. Unabhängigkeit Streben nach Freiheit, Selbstgenügsamkeit und Autarkie
Unsere Leitmotive sind uns oft gar nicht bewusst. Zudem sind verschiedene
Motive manchmal gleich stark und widersprechen sich, so zum Beispiel Ruhe
und körperliche Aktivität oder Unabhängigkeit und Status. Dies hat
intrapsychische Konflikte zur Folge, die sich in Ambivalenzen manifestieren.
Manchmal scheint einem dies am wichtigsten, ein andermal das andere. Es ist
nicht einfach, mit diesen Ambivalenzen umzugehen, auch für das Umfeld
nicht. Es kommt dann zu Doppelbotschaften, etwa: „Geh weg, aber lass mich
nicht allein“ (Unabhängigkeit versus Beziehungen).